Freitag, 15. Juni 2007

Der vorläufige Sieg der Hamas

Gestern hat die islamistische Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen übernommen und dort - zumindest vorläufig - ihre Konkurrenzorganisation Fatah ausgeschaltet, woraufhin Palästinenserpräsident Abbas die aus beiden Organisationen bestehende Einheitsregierung aufgelöst hat. Die weitere Entwicklung der Palästinensergebiete scheint im Augenblick völlig offen zu sein.
Ein russischer Karrikaturist hat den palästinensischen Bruderkrieg im nebenstehenden Bild dargestellt: die Hamas ersticht das Pferd - die Fatah - auf dem sie reitet. Und Martin van Creveld meint, daß in den Kämpfen auch ein Segen liegen könne, indem vorerst die Frage der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge hintangestellt wird:

"[...]

Während die düsteren Bilder aus Gaza kommen, könnte sich dennoch eine bessere Zukunft ankündigen. Denn obwohl das Westjordanland und der Gazastreifen von einer Bevölkerungsgruppe – den Palästinensern – besiedelt werden, sind es doch zwei getrennte und unterschiedliche Gebiete. Das Westjordanland ist weniger dicht bewohnt. Es gibt weniger Flüchtlinge. Und in sozialer und ökonomischer Hinsicht ist es weiter entwickelt. Das kommt teilweise daher, dass das Klima im Westjordanland gut ist, und teilweise, weil es dort viele heilige Orte gibt. Der größte Wirtschaftsfaktor ist der Tourismus. Im Gegensatz zum Westjordanland ist Gaza ein von Gott verlassener Ort, der fast nichts zu bieten hat. Es ist nicht nur eines der am dichtesten besiedelten Gebiete weltweit, es enthält darüber hinaus noch eine große Anzahl an mittellosen Flüchtlingen, die völlig armselig in überfüllten Camps leben. Wie die Kraft der Hamas beweist, hofft die Bevölkerung in Gaza zur Lösung ihrer Probleme immer mehr auf eine fundamentale Version des Islam.

Diese Differenzen zeigen, dass diese zwei Gebiete letztlich nur noch formal unter einer Regierung zusammengefasst sind. 19 Jahre, bevor das Westjordanland von Israel 1967 besetzt wurde, gehörte es zu Jordanien, das allen Einwohnern des Westjordanlands eine Einbürgerung anbot, auch den Flüchtlingen. Im Gegensatz dazu hat Ägypten als ehemaliger Herrscher über den Gazastrafen nie eine solche Geste gezeigt. Stattdessen regierte Kairo mit einer militärischen Administration und blockierte die Entwicklung im Gazastreifen, wo sie nur konnte.

Jetzt, wo die PLO und die Hamas sich gegenseitig in Gaza bekämpfen, wünschen sich die Israelis und der Westen, dass dies aufhören möge und die beiden Gebiete unter einer moderaten Regierung vereint werden, die sich auch mit Israel an einen Tisch setzen kann. Dieses Ende ist allerdings eher unwahrscheinlich. Das größte aller Hindernisse, das Heilige Land zu befrieden, ist langfristig eher das Rückkehrrecht der vertriebenen Palästinenser, auf dem sie beharren. Die Israelis haben richtigerweise erkannt, dass die Realisierung dieser Forderung ihren eigenen Staat zerstören kann. Die palästinensische Führung hingegen, die nicht nur für sich beansprucht, die Einwohner des Westjordanlands und des Gazastreifens zu regieren, sondern auch meint, für die geflohenen Palästinenser in den Flüchtlingslagern der benachbarten Länder verantwortlich zu zeichnen, kann diese Forderung nicht aufgeben. Das Ergebnis ist Stillstand bei allen möglichen Versuchen, die Aussöhnung zwischen Israel und Palästina voranzutreiben.

Angenommen, dass der momentane Kampf nicht mit der Wiedereinsetzung einer einheitlichen Regierung endet, sondern damit, dass das Westjordanland und der Gazastreifen separiert werden. In diesem Falle würden Mahmud Abbas und die PLO das Westjordanland regieren, und der Gazastreifen könnte unter die Regentschaft von Ismail Hanija und der Hamas fallen. Keiner von beiden kann dann für sich beanspruchen, für alle Palästinenser zu sprechen. Erst dann werden es beide leichter finden, über die Frage des Rückkehrrechts vorerst nicht oder sogar überhaupt nicht mehr zu sprechen.
Die Kämpfe im Gazastreifen sind alles andere als schön; das sind Trennungen nie. Auf längere Sicht gesehen wird dieser Krieg der Palästinenser gegen Palästinenser aber zu einer einmaligen Chance, das größte Hindernis des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses zu beseitigen. Und wenn es so kommt, dann wird wenigstens das ganze Blutvergießen nicht umsonst gewesen sein.

[...]"

1 Kommentare:

Robert Schmidt hat gesagt…

Da hab ich doch gleich noch eine Frage. Wie kommt Martin van Creveld nur auf diesen verwegenen Gedanken:

Jetzt, wo die PLO und die Hamas sich gegenseitig in Gaza bekämpfen, wünschen sich die Israelis und der Westen, dass dies aufhören möge und die beiden Gebiete unter einer moderaten Regierung vereint werden, die sich auch mit Israel an einen Tisch setzen kann.

Die Israelis und welcher Westen?
Und warum überhaupt sollten die Israelis den Wunsch haben, sich mit irgendjemandem an einen Tisch zu setzen?
Besser als im Moment kann es doch für den zionistischen Flügel der Israelis sowie für alle, die kein Interesse an einem friedlichen Nahen Osten haben, gar nicht laufen. Man stelle sich nur vor, die Palestinenser würden sich friedlich unter einer moderaten Regierung versammeln und von Stund an die koexistive Zweistaaten-Lösung anstreben. Oder, der Albtraum eines jeden Falken, Israelis und Palestinenser würden sich versöhnen. - Übrigens die in meinen Augen einzige dauerhafte Lösung des Konflikts. Die Einstaaten-Lösung. Eine Art israelisches Palestina. Das Ende Israels, Der Anfang von etwas Neuem. Völlig utopisch, ich weiß. Dort tobt der Ewige Krieg. Zu viele Interessen brauchen ihn.


Auf längere Sicht gesehen wird dieser Krieg der Palästinenser gegen Palästinenser aber zu einer einmaligen Chance, das größte Hindernis des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses zu beseitigen.

Teile und herrsche. Wie gesagt, was besseres konnte Israel nicht passieren.

Und wenn es so kommt, dann wird wenigstens das ganze Blutvergießen nicht umsonst gewesen sein.

Was mir als friedensverwöhntem Mitteleuropäer wie widerlicher, arroganter, verachtenswerter Zynismus vorkommt, mag in den Köpfen von Menschen, deren Heimat sich seit Jahrzehnten de facto im Krieg befindet nach tröstenden Worten anhören.


Grüße

Robert Schmidt